Kolpingsfamilie Freckenhorst

         1928 bis 2003

            Kolpingsfamilie Freckenhorst

 

Am 9. August des Jahres 1928 fand die Gründungsversammlung des “Katholischen Gesellenvereins Freckenhorst” bei Dühlmann statt. Aus dem Gründungsprotokoll geht hervor, dass sich Freckenhorster Handwerksgesellen schon einige Zeit vorher getroffen hatten, um die Gründung eines Gesellenvereins, von denen es in anderen Gemeinden schon einige gab, voranzutreiben. Sie nahmen damit Anstöße und Anregungen auf, die es verschiedentlich auf Seiten einiger Handwerksgesellen bis zu diesem Datum gegeben hatte und die zu informellen Treffen geführt hatten.

Vielleicht muss die Geschichte der Freckenhorster Kolpingsfamilie sogar gänzlich neu erforscht und umgeschrieben werden, wenn man einen Abschnitt aus dem Buch „Freckenhorst 851 – 2001 Aspekte einer 1150jährigen Geschichte“, das Klaus Gruhn zum Freckenhorster Jubiläum im Jahre 2001 herausgegeben hat, einbezieht. In dem Artikel „Entwicklung der kulturellen, wirtschaftlichen, sozialpolitischen Verhältnisse“ (Warendorf Blätter, Nr. 1 – 4; 1931) macht Heinrich Schütter auf eine Vereinsgründung aufmerksam, die mit der engen Verflechtung des katholischen Vereinslebens in Freckenhorst mit den aktuellen politischen und gesellschaftlichen Ereignissen der damaligen Zeit zusammenhing. Es war die Gründung des Gesellenvereins am 29. Mai 1851. Dass die Gründerväter im Jahre 1928 keinen Bezug mehr zu diesem Vorgängerverein hatten, liegt wohl daran, dass dieser Verein in den inzwischen verstrichenen mehr als 70 Jahren in Vergessenheit geraten war. (vgl. Klaus Gruhn, Hrsg., Freckenhorst 851 – 2001; Freckenhorst 2000; S. 385) Dies ist um so erstaunlicher, als die Gründung der Kolpingsfamilie Münster Zentral auf das Jahr 1852 datiert und es 1928 doch irgendwelche Verbindungen von Freckenhorst zu Münster gegeben haben müsste. Sei´s drum:

Rektor Niehaus, der Leiter der damaligen Winterschule, Vorläuferin der heutigen LVHS Freckenhorst, war auf einer dieser Zusammenkünfte schon zum Präses gewählt worden. Dieser eröffnete die Gründungsversammlung und hieß zahlreiche Vertreter von Handwerk, Kirche und Stadt Freckenhorst willkommen.

Nachdem Vikar Bayer die Rechte und Aufgaben eines Gesellenpräses deutlich gemacht hatte, wurde Rektor Niehaus im Amt bestätigt. In den ersten Vorstand des neuen Vereins wurden gewählt: Bernhard Brunsmann als Senior, Franz Vienenkötter als Schriftführer, Hermann Oertker, Heinrich Nienberg, Josef Böhmer und Theo Siemann als Beisitzer und Ordner. Dass das Interesse sehr groß war, - Freckenhorst zählte damals 2.771 Einwohner einschließlich des Kirchspiels - beweist eine Notiz, die besagt, dass 51 Aktive und 45 Ehrenmitglieder zum Schluss der ersten Versammlung gemeinsam das Kolpinglied anstimmten.

In den Versammlungen, die danach regelmäßig abgehalten wurden, widmete man sich zunächst der Erstellung einer Satzung, die dann sehr bald verabschiedet wurde. Im selben Jahr schon konnte auf der Septemberversammlung eine Kolpingbüste enthüllt werden, die noch heute an jedem Kolpinggedenktag zu Ehren kommt. Auch an eine Vereinsfahne wurde gedacht und Entwürfe für die Gestaltung eingeholt. Verwirklicht wurde der, der noch heute die Vereinsfahne schmückt und zum Jubiläumsjahr renoviert worden ist. Die Weihe der Vereinsfahne wurde am 12. Mai 1929 vorgenommen.

Das Jahr 1928 war zugleich die Geburtsstunde der Laienspielschar der Kolpingsfamilie Freckenhorst, die am 11. und 18. November ihr erstes Theaterstück, „Wenn du noch eine Mutter hast“, aufführte. Es war auch  der Grundstein für eine 75 Jahre währende Tradition, die sich nur insofern gewandelt hat, dass man sich mehr und mehr dem Erhalt und der Pflege der plattdeutschen Mundart widmete und deshalb seit 1958 ausschließlich Theaterstücke in plattdeutscher Sprache aufgeführt werden.

Lehrer Wilhelm Voigt und Leo Vlix, die sich überdies um die Vertiefung von religiösen, kulturellen und wirtschaftlichen Themen der Zeit bei den Mitgliedern bemühten und dies in vielen gut besuchten Veranstaltungen regelmäßig vermittelten, waren ihre ersten Regisseure. Am 5. Februar 1929 ernannte Präses Niehaus Lehrer Wilhelm Voigt zum Vizepräses.

Als sich im Jahre 1933 mit Hilfe des Ermächtigungsgesetzes die Nationalsozialisten den Zugang zur Macht legalisieren ließen, brach auch für die Kolpingsfamilie Freckenhorst eine schwere Zeit an, war es doch das eindeutige Ziel der neuen Machthaber, die christlichen Vereine mit allen ihnen gebotenen Mitteln aus der Öffentlichkeit zu verdrängen und ihren Einfluss auf die Bevölkerung zu stoppen. Die Kolpinggemeinschaft wollte sich nicht unnötig in Gefahr begeben und zog sich zu ihren regelmäßigen Treffen in private Räume zurück. Der Zusammenhalt war um so intensiver, obwohl oder gerade weil eine geregelte Vereinsarbeit unter der Beobachtung und den angedrohten Repressalien durch die Nationalsozialisten nicht möglich war. Und so hat die Kolpingsfamilie Freckenhorst auch diese Zeit, die schließlich im II. Weltkrieg mündete und für Deutschland und die Welt mit fürchterlichen Verlusten und gewaltigen Zerstörungen endete – 18 Söhne der Freckenhorster Kolpingsfamilie waren aus dem Krieg nicht zurückgekehrt -, überstanden und nach dem verlorenen Krieg sich zunächst der Aufbauarbeit in den eigenen Familien zugewandt. Mit dem neuen Präses, Kaplan Heinrich Tenhumberg, ging es dann bald wieder an geregelte Vereinsarbeit. Dazu wurden eine Reihe von Kursen und  Lehrgängen angeboten, die den Handwerksgesellen die Möglichkeit bot, sich in Buchführung, Deutsch und Mathematik fortzubilden.

Das Jubiläum zum 25jährigen Bestehen im Jahre 1953, mit einem großen Handwerkerumzug und vielen weiteren Festveranstaltungen, zeigte, dass die Kolpingsfamilie Freckenhorst eine blühende, aufstrebende und aktive Gemeinschaft war, die in der Stiftsstadt allseits Beachtung fand.

Dass die Laienspielschar der Kolpingsfamilie die Wirren des Krieges schnell verwunden hat und den Blick nach vorn richtete, um einen latent vorhandenen Bedarf nach Abwechslung und Unterhaltung zufrieden zu stellen, belegt die Tatsache, dass sie nach einer Pause von acht Jahren schon 1946 wieder auf der Bühne stand und das erste Stück in plattdeutscher Sprache aufführte. Von diesem Zeitpunkt an hat sie jedes Jahr bis auf den heutigen Tag zur Erheiterung vieler, auch interessierter Zuschauer aus Nah und Fern, ein Theaterstück aufgeführt.

Unter dem Leitgedanken „50 Jahre Kolping im Dienst am Menschen“ feierte die Kolpingsfamilie Freckenhorst am 4. Mai 1978 mit einem Festgottesdienst in der Stiftskirche, dem Festakt im pädagogischen Zentrum der Hauptschule Freckenhorst und dem sich am Nachmittag desselben Tages anschließenden Festzug, an dem viele Freckenhorster Vereine und Gastvereine teilnahmen und der in ein großes Familienfest an der LVHS mündete, ein denkwürdiges Jubiläum. Um den Festtag, der am Abend mit einem Festball endete, rankten sich weitere gut besuchte Veranstaltungen.

Nicht nur in der Freckenhorster Kolpingsfamilie, sondern vor allem im weltweiten Kolpingwerk haben sich bis heute tief greifende Veränderungen ergeben. Das Kolpingwerk Deutschland hat sich richtungweisend der Probleme der sogenannten Dritten Welt, Afrika und Lateinamerika,  angenommen und unterstützt dort die jungen und im Aufstreben befindlichen Kolpingsfamilien. Auch im heimischen Raum tauchten immer mehr Probleme auf, die neben anderen Erscheinungen auch dazu führten, dass viele Kolpingsfamilien starken Mitgliederschwund zu verzeichnen haben. Die gesellschaftliche und religiöse Ausrichtung der Menschen unseres Landes spielt dabei sicher eine nicht unbedeutende Rolle.

Dieser Entwicklung entgegen zu wirken, haben sich die Verantwortlichen in den Kolpingsfamilien dieser Problemfelder angenommen. Ein Themenfeld heißt neben anderen interessanten Bereichen, die in verschiedenen Sachausschüssen bearbeitet und in die örtlichen Kolpingsfamilien getragen werden, „Lebenswege – Menschenwege“. Schwerpunkt hier ist der Einsatz für die Familie, wobei der Familie als Grundbaustein unserer Gesellschaft und als Verantwortungs- und Wirtschaftsgemeinschaft von Frau und Mann mit ihren Kindern besondere Beachtung zugebilligt wird, ohne dabei aber die persönliche Wahl der Lebensform anderer Mitmenschen außer Acht zu lassen und Hilfen anzubieten. Damit greift das Kolpingwerk einen Gedanken ihres Gründervaters auf, der schon im Jahre 1853 auf dem Trierer Katholikentag eine Ansprache mit dem Thema „Familie – Grundpfeiler der menschlichen Gesellschaft“ gehalten hat.

Die Kolpingsfamilie Freckenhorst versucht diese Ideen und Ziele umzusetzen und bietet dazu unter anderem Bildungsfreizeiten für Familien jeglichen Alters an. Diese Veranstaltungen sprechen gerade auch junge Familien an. Dafür sorgt die vereinsinterne besondere finanzielle Unterstützung von Familien mit mehr als zwei Kindern. So bleiben diese Wochenenden für alle erschwinglich. Als positiven Nebeneffekt erhält die Kolpingsfamilie daraus immer wieder eine beachtliche Zahl jüngerer Mitglieder.

Religiöse Themen, interessant und für den Alltagsgebrauch aufgearbeitet, wechseln mit Themen aus Geschichte und Politik. In weiteren Seminaren, Vorträgen und Betriebserkundungen werden Probleme aus Wirtschafts- und Arbeitswelt, der Berufswahlmöglichkeiten im heimischen Raum und aktuelle Themen aus der Medizin angesprochen, die sich inzwischen regen Interesses erfreuen.

Die Kolpingsfamilie sieht eine Öffnung über die Grenzen des Vereins hinaus als selbstverständlich an. Sie wurde nicht nur zum Jubiläum „851 bis 2001 – 1150 Jahre Freckenhorst“ durch die Teilnahme am Jubiläum von Stift und Stadt Freckenhorst praktiziert. Dass man in der Kolpingsfamilie auch die Nöte der von Katastrophen betroffenen Menschen sieht, beweist die am 27. Januar 2003 abgeschlossene Aktion des „Runden Tisches Freckenhorst“ – Flutopferhilfe Meißen -, die von der Laienspielschar der Kolpingsfamilie mit der Spende eines Euro pro Theaterbesucher tatkräftig unterstützt wurde. Immerhin kamen zu den sechs Aufführungen insgesamt 1200 Besucher und so ein stattlicher Betrag zusammen.

Auch im kirchlichen Raum, in der Mitarbeit in der Pfarrgemeinde St. Bonifatius engagieren sich die Mitglieder der Kolpingsfamilie, wenn kleine Aufgaben und Dienste in Kooperation mit anderen Vereinen und Verbänden, mit dem Pfarrgemeinderat und dem Kirchenvorstand übernommen werden müssen. Exemplarisch sei dazu das Firmpraktikum genannt, in dem Jugendliche, die sich auf den Empfang des Firmsakramentes vorbereiten, innerhalb der Pfarrgemeinde unter anderen auch bei Projekten der Kolpingsfamilie in der Regel im praktischen, handwerklichen Bereich ein Praktikum absolvieren.

Auch der regelmäßige Besuch der beiden Seniorenheime in Freckenhorst gehört zum Programm. Mit dem Dreikönigssingen versuchen die Mitglieder der Kolpingsfamilie zum Beginn eines jeden neuen Jahres etwas Abwechslung in den Alltag zu bringen. Bei einer Tasse Kaffee werden die bekannten Weihnachtslieder gesungen, dazu kommen kurze, teils heitere, teils besinnliche Texte zu Gehör.